Bieler Lauftage / 100-Kilometer Lauf

Rückblick auf den München Marathon

München ist eine Stadt, die ich schon oftmals besucht habe und die auch für meinen Vater immer wieder eine besondere Anziehungskraft besass. So erfüllte es mich mit besonderem Stolz, begleitete er mich im Oktober 2018 zu meinem Abenteuer „München Marathon“. Insgeheim hoffte ich, dass ich ihn beim Zieleinlauf im Olympiastadion erblicken würde und ich die letzten Meter mit ihm laufen kann. Als Dank für das, was er immer leistet und auch als Wertschätzung, wie stolz ich auf ihn bin. Doch leider ist es dazu nicht gekommen. Einerseits war das Timing schlecht und andererseits war es nicht möglich, andere Leute auf die „Ehrenrunde“ im Olympiastadion mitzunehmen.

Der Entschluss / Kapitel 1

Nach der Analyse des München Marathons bestärkte mich das Gefühl, dass mir längere Distanzen (> Halbmarathon) einfach nicht behagen. Bis zum Halbmarathon konnte ich meine Zeit ziemlich genau vorhersagen und durchziehen. Aber alles, was weiter als 30 Kilometer geht macht mir Sorgen. Einerseits ist das darauf zurück zu führen, dass ich solche Distanzen noch zuwenig gut kenne. Und andererseits habe ich einen Riesen-Respekt vor dieser 42 Kilometer-Marke. Was also tun?

Für das Jahr 2019 entschloss ich mich, mehr Longjogs ins Training einzustreuen, dafür weniger Wettkämpfe abzuhalten. Vielleicht auch ganz auf Marathons zu verzichten, so dass ich 2020 dann auch auf längeren Strecken das komplette Leistungsvermögen abrufen kann.

Im Dezember 2018, während dem Erstellen meiner 2019er-Saisonplanung fiel mir ein Datum besonders ins Auge: der 07. Juni 2019. Die Bieler Lauftage standen dann auf dem Programm. Mein erster Gedanke, den 100er zu absolvieren, verwarf ich ziemlich zügig wieder. Nein, nie und nimmer. Aber warum nicht trainingshalber den 56 Kilometer-Ultramarathon absolvieren? So plante ich meine Laufevents um diesen Tag herum, mit der vollen Absicht, den 56er zu absolvieren.

Je länger der Januar dauerte, desto mehr verfiel ich in den Gedanken, doch den 100 Kilometer-Lauf zu absolvieren. Ich informierte mich länger über diesen Lauf, ich besuchte Homepages, las mehr und mehr Rennberichte. Das Buch von Werner Sonntag „Einmal musst du nach Biel“ war mir natürlich schon vorher bekannt. Aber mit so wenig Lauferfahrung wie ich habe, traute ich mir diesen Lauf einfach noch nicht zu. Doch dann war es schlussendlich doch soweit. Ich entschloss mich, den 100er absolvieren zu wollen. Aber immer mit der Absicht, mal zu schauen, wie weit ich komme. Es gab ja unterwegs an der Strecke genügend Ausstiegspunkte. Und so weiss ich dann immerhin, was mir noch fehlt, um einen solchen Lauf zu finishen.

Die Begeisterung meiner Frau hielt sich in engen Grenzen, trotzdem hat sie mich im Beschluss unterstützt. Immerhin konnte ich sie insofern beruhigen, als dass ich ihr versprach, den Lauf nur mit Fahrradbegleitung zu absolvieren. Auch die Velo-Begleitung ist an diesem Event einer ziemlich hohen Belastung ausgesetzt. Dies nicht unbedingt im leistungstechnischen Bereich. Sondern was das mentale angeht. Eine Fahrradbegleitung ist Motivator, Gepäckträger, Begleitperson und auch Informant gegenüber der Familie. Für mich war schnell klar, wen ich für dieses Unterfangen anfragen will: Sandra Jenny

Sie ist eine, die für mich die richtigen Worte findet, die weiss, wie man mich motivieren kann und mich schon sehr gut kennt. Zusammen haben wir schon Hochs und Tiefs erlebt.

Am 07. Februar, bei einem Abendessen im Grissino Bern, ausgerüstet mit einer PowerPoint-Präsentation habe ich ihr dann den Lauf und mein Vorhaben vorgestellt. Sie war schon leicht vorgewarnt – trotzdem kam ihre Zusage ohne zu Zögern oder zu überlegen. So war auch der Teil „Velobegleitung“ zur vollsten Zufriedenheit abgedeckt.

Die Trainingsmonate Februar/März/April vergingen. Die Formkurve stieg an. Die Vorbereitung war soweit prima. Auch gemeinsame Trainings mit Sandra standen auf dem Programm, wo wir 30-Kilometerläufe zusammen abspulten. Sie auf dem Fahrrad, ich zu Fuss daneben. Für mich war es sehr ungewohnt, plötzlich Befehle zu erteilen, was ich nun zu essen oder zu trinken wünsche. Aber nur so konnten wir uns an diese Situation gewöhnen.

Wir hatten das Glück, die Lauftrainings nicht bei eitel Sonnenschein durchzuführen. Einmal war es eisig Kalt (jedenfalls für Sandra auf dem Fahrrad) und auch bei Sturm und Regen waren wir unterwegs. So konnten wir auch bei Schlechtwetter unsere Erfahrungen sammeln.

Die Bieler-Laufstrecke fuhren wir auch gemeinsam mit dem Auto ab. Wir konnten dadurch wertvolle Erfahrungen oder Hinweise sammeln, welche uns beim Lauf sicherlich dienlich waren.

Der letzte Monat / Krisensituationen

Anfangs Mai spürte ich an der linken Kniescheibe ein Ziehen und Stechen. Genau so war es auch letztes Jahr, als ich danach für 10 Wochen pausieren musste. „Dank“ diesen Erfahrungen konnte ich schnell reagieren. Durch das gesteigerte Lauftraining war die Balance zwischen Rumpf-/Stabi-Training und Lauftraining nicht mehr optimal. Der Quadrizeps-Muskel machte sich bemerkbar. Trotzdem wollte ich am Wings for Life World Run starten. Dieser Lauf war für mich so etwas wie eine kleine Hauptprobe, um wettkampfmässig eine längere Distanz zu laufen. Bei der Laufplanung anfangs Jahr errechnete ich mir eine mögliche Zieldistanz von ca. 30 Kilometer. Der Wings for Life World Run zeichnet sich dadurch aus, dass dieser Lauf keine fixe Ziellinie hat, sondern dass man solange vor dem Catcher Car läuft, bis das Auto die Läufer einholt.

Zwei Wochen vor dem Wettkampf, als ich mir die Strecke auf der Homepage anschauen wollte, stellte ich fest, dass das Catcher Car mit einer neuen, schnelleren, Geschwindigkeit fährt. Ich redigierte meine Ziele und errechnete mir eine mögliche Zieldistanz von 25 Kilometer.

Am Sonntag morgen, aufgewacht in einer Schneelandschaft und bei Kälte, überlegte ich nochmals, ob ein Start wirklich sinnvoll sei. Mein Knie machte sich halt doch bemerkbar. Trotzdem fuhr ich nach Zug und absolvierte den Lauf. Bis Kilometer 21 war ich mehr als im Fahrplan, ich war meiner Zeit effektiv voraus. Jedoch konnte ich vor lauter Schmerzen kaum mehr laufen. Aufgeben? Nur noch laufen? Nein, das kann es auch nicht sein. Ich biss auf die Zähne und versuchte irgendwie mein Tempo zu halten. Mein Schnitt von 4:40 min / km konnte ich nicht halten. Die Pace sank und ich lief im tiefen 05:00er Bereich. Die 25-Kilometer-Marke war erreicht. Das persönliche Ziel war erfüllt, alles was jetzt noch kommt ist Zugabe. Doch das Auto wollte einfach nicht auftauchen. Die weiteren Kilometermarken passierte ich auch noch, bis ich plötzlich das 30-Kilometer-Schild erblicke. Auch dieses passierte ich noch, doch nun war es bald soweit. Nach 30.3 Kilometer war mein Lauf zu Ende. Überholt vom Auto. Eine grosse Zufriedenheit über die Leistung machte sich breit. Aber die Schmerzen im Knie wurden stärker und stärker. An den nächsten Tagen war an ein Lauftraining nicht zu denken. Meine Ängste, dass ich den 100er verletzungsbedingt absagen muss, wurden grösser.

So meldete ich mich zur Physiotherapie an. Ich rechnete mit dem Schlimmsten. Die Physiotherapeutin drückte an meinem Knie herum und konnte den Schmerz sehr genau lokalisieren. Wie erleichtert war ich, als ich hörte „1 Woche Trainingspause, dann sollte das gut kommen“. Auf den Start am GP Bern musste ich verzichten. Dieser Entscheid fiel mir zwar schwer, aber schlussendlich müssen Prioritäten gesetzt werden.

1 Woche später schnürte ich die Laufschuhe. Die Schmerzen im Knie waren zwar noch da. Aber ich habe mir in der Zwischenzeit eine Kompressionsbandage zugelegt. Mit dieser konnte ich das Knie stabilisieren. Langsam stieg ich wieder ins Training ein. An Longjogs waren jedoch nicht mehr zu denken. So fehlten mir im Training zwei lange Läufe, welche ich noch absolvieren wollte. Meine Taperingphase habe ich also auf 4 Wochen ausgedehnt. Der Formstand war entsprechend nicht mehr so ideal. Dies führte unweigerlich auch zu einer Stimmungskrise.

Mein Knie habe ich ab und an noch gespürt. Aber für mich war klar, das muss gehen. Irgendwie. Zumal die Schmerzen nicht mehr stärker wurden. Vom Knie her hatte ich also das Gefühl, dass dies klappt. Eine Woche vor dem Bieler legte es mich dann noch ins Bett mit einer Magen-Darm-Grippe und entsprechendem Fieber. Mein Körper gab mir also zu verstehen, dass er sehr wohl eine Pause braucht. Diese wird er auch bekommen, aber erst nach den Bieler Lauftagen. Die letzten Nächte versuchte ich so viel Schlaf wie möglich zu erhalten. Erstaunlicherweise gelang mir das sehr gut. Mein Umfeld empfand ich beinahe nervöser als ich. Und dann war es endlich soweit.

Die Nacht der Nächte / Vor dem Start und Kilometer 1 – 21

Der Wetterbericht hat für die ersten Rennstunden leichten Regen vorausgesagt. So kommt es dann auch. Kurz vor 21.30 Uhr fängt es an zu regnen. Ich verabschiede um 21.30 Uhr Sandra und Michu, welche mit dem Polizeikorso von Biel in Richtung Lyss fahren.

Zum Glück kann Sandra dort in die warme Stube und sich nochmals aufwärmen.

Ich gehe nochmals in Festzelt, treffe dort Andreas und Hansruedi. Die beiden strahlen eine Ruhe und Sicherheit aus. Die beiden habe ich über running.coach kennengelernt. Die beiden haben eine gesunde Einstellung zum Laufen und ich bin froh, bin ich bei Ihnen in guter Gesellschaft und lasse mich nicht noch verrückt machen.

Nachdem ich nochmals die Toilette aufgesucht habe begebe ich mich zur Startlinie. Ich gehe absichtlich ins hintere Drittel. Um Punkt 22 Uhr ist es dann soweit. Der Startknall ertönt. Langsam, ganz langsam komme auch ich zum Startbereich, wo die Zeit gestartet wird. Man spürt kein Gedränge, wie an anderen Laufevents üblich. Ist ja auch normal. Noch selten hat sich wohl ein 100-Kilometerlauf auf den ersten Metern entschieden, zumal das Ankommen das Ziel ist.

Die ersten Kilometer durch Biel sind durch die Strassenlaternen hell erleuchtet. Am Strassenrand stehen Zuschauer. Kinderhände warten darauf, abgeklatscht zu werden. Es ist eine spezielle Atmosphäre, etwas entspanntes macht sich in mir breit. Mein Gefühl sagt mir, dass ich ideal gestartet bin. Ich prüfe meine Uhr. Der Puls ist zu hoch, die Pace stimmt. Dass der Puls zu hoch ist schiebe ich auf das Rennen und die eventuell doch vorhandene Anspannung. So laufe ich weiter in diesem Tempo. Plötzlich höre ich jemanden meinen Namen rufen. Hansruedi und Andreas tauchen von hinten auf. Die nächsten Kilometer laufe ich mit ihnen. Wir plaudern ein wenig und so vergeht die Zeit wie im Flug. Wir stehen vor der ersten grösseren Steigung in Port. Mein Ziel für den 100er ist es, so viel wie möglich zu laufen. Am liebsten die gesamten 100 Kilometer. Andreas, welcher den Lauf zum zweiten Mal absolviert hat eine andere Taktik ausgesucht. So trennen sich unsere Wege. Ich weiss schon jetzt, dass wir uns früher oder später auf der Strecke sowieso wieder sehen werden. Nachdem der Anstieg und der darauf folgende Abstieg nach Jens geschafft sind folgt ein längeres Teilstück, welches ohne Zuschauer stattfindet. Ich schalte meine Stirnlampe ein und laufe ein gleichmässiges Tempo von knapp über 6:30 min/km. Ich bin absolut im Zeitplan. „Nur noch 88 Kilometer“. Ich habe das Gefühl, dieses Tempo könnte ich ewigs laufen. Es fühlt sich einfach toll an. Schon bald überholt mich die Spitze des Halbmarathon Laufs, welcher in Aarberg endet.

Ich erreiche Kappelen. Die grosse Zuschauermenge steht nicht am Strassenrand. Aber ein mir vertrautes Gesicht. Markus steht an einer Kreuzung. Es freut mich sehr, ihn zu sehen. Ich klatsche kurz ab und laufe weiter. Bis Aarberg ist es nicht mehr weit.

Ich passiere die Holzbrücke und laufe ins Städtli. Es hat noch zahlreiche Zuschauer am Strassenrand, welche klatschen. Kurz vor dem Städtli-Ende höre ich meinen Namen. Ramona und Fabrice stehen dort, mit selbst gemachten Schildern feuern Sie mich an. Was für ein Gefühl. Und erst jetzt sehe ich, dass die beiden nicht alleine da stehen. Roland, Gabi und mein Vater sind auch dort, alle haben Schilder in der Hand, motivieren mich und feuern mich an. Was für ein tolles Gefühl. Irgendwie bin ich total im Tunnel drin und laufe weiter. Es kam mir nicht in den Sinn, kurz anzuhalten und „Hallo“ zu sagen. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Doch dafür ist es jetzt zu spät. Aber dass alle fünf fast bis Mitternacht ausgeharrt haben, das bedeutet mir sehr viel.

Mittlerweile sind über 21 Kilometer absolviert. Ich nähere mich Lyss, wo Sandra auf mich wartet. Der erste Halbmarathon ist geschafft. Vom Zeitplan her bin ich voll im Soll. Vom Gefühl her ist alles prima. „Nur noch 79 Kilometer“. Mir geht es super. Trotzdem freue ich mich auf die Begleitung, welche am vereinbarten Ort bereits auf mich wartet.

Kilometer 22 – 48 / Die Achterbahnfahrt beginnt

Von Lyss bis nach Grossaffoltern sind drei mir wohlbekannte Steigungen zu absolvieren. So kann ich diese gut einteilen. Weiter gehts durch Grossaffoltern. Durch den Schein der Stirnlampe scheint mir, als würde der Regen stärker werden. Aber ich habe das Gefühl, ich werde nicht nass. Selber spüre ich die Tropfen nicht. Sandra zieht sich warme Kleidung an. Die Kälte der Nacht macht sich langsam bemerkbar.

Vor den nächsten Kilometern habe ich Respekt. Es geht ziemlich unspektakulär über Felder, dem Waldrand entlang bis nach Oberramsern. Ich werde ein klein wenig langsamer, die Kilometerzeiten tendieren eher gegen 07:00 min/km. Kein Grund zur Sorge. Ich fühle mich noch gut. Irgendwie. Wir treffen einen Läufer aus Birsfelden. Sandra beginnt mit ihm zu reden. Er erzählt, dass er den 100er bereits mehrfach absolviert hat. Und vor zwei Wochen sei er beim 24-Stunden Rennen in Basel am Start gewesen.

Jetzt nachträglich schaue ich seinen Jahrgang an: 1954! Den Bieler beendete er schlussendlich in 12 Stunden und 41 Minuten. Was für eine Leistung. In seiner Alterskategorie wurde er 4. Und das 24-Stunden Rennen beendete er auf Rang 1 in seiner Altersklasse.

Ich hoffe, dass der Verpflegungsstand Oberramsern bald kommt. Ich spüre, dass Ernährung mir jetzt guttun würde. Die letzten beiden Kilometer nach Oberramsern kommen mir vor wie eine Ewigkeit.

Dann erscheint am Horizont endlich der Verpflegungsposten. Wir machen eine kurze Pause. Schliesslich wird bald der zweite Anstieg folgen und eine Stärkung kann ich brauchen. Sandra trifft noch alte Bekannte und plaudert mit ihnen. Ich mache mich unterdessen auf den Weg Richtung Mülchi.

Ich bin sämtliche Anstiege 1 Woche vorher abgelaufen. Dadurch weiss ich, was mich erwartet. Das kommt mir sehr entgegen. Ich kann diese beiden Steigungen gut bewältigen. Sandra hat mich bei der zweiten Steigung eingeholt. Nun folgt ein sanfter, langer Abstieg Richtung Jegenstorf. Doch irgendwie wollen meine Beine nicht. Ich kann nicht wie gewünscht performen. Mittlerweile sind 45 Kilometer erreicht. Sandra versucht mich abzulenken und erzählt von neuen Netflix-Serien. Aber ich versinke gerade in einem Tief. Erstmals machen sich negative Gedanken breit. „Warum mache ich das ganze?“ „Es hat doch überhaupt keinen Sinn.“ „So erreiche ich Biel nie.“ Dank Sandra gelingt es mir, mich nach Jegenstorf durchzubeissen, wo ein Verpflegungsstand wartet. Ich sitze hin. Und ich beginne zu weinen. Vor Enttäuschung, vor Wut. Es will einfach nicht sein. Sandra lässt mich kurz ein wenig alleine. Sie spürt, dass ich gerade wohl mit mir klar kommen muss. Andreas taucht am Verpflegungsposten auf. Ich erzähle ihm vom Tief. Er muss nicht viel sagen, aber er hilft mir ungemein. Zum Glück läuft es ihm zurzeit besser. Er konsumiert kurz und weiter geht es für ihn. Ich versuche mich zu sammeln. Ich habe ungefähr 15 Minuten pausiert. Nun ist es Zeit weiterzugehen.

Kilometer 48 – 67 / Weiter, einfach immer weiter

Die nächsten 4 Kilometer vergehen wieder besser.

Ich fühle mich gut und habe das Gefühl, dass diese Krise auch ihr positives hatte. Die Worte von Andreas hallen in mir nach. Bis nach Kirchberg kann ich gefühlt ein regelmässiges Tempo angehen. Kirchberg habe ich vorgängig für meinen Kopf als schwierige Hürde ausgemacht. Hier endet für viele der Nacht-Ultramarathon, das bedeutet, diese Leute haben ihr Ziel jetzt erreicht. Hier muss ich mich für die nächsten 11 Kilometer auch von Sandra trennen und ich bin auf mich alleine gestellt. Wir verpflegen uns nochmals und wir verabschieden uns. Einerseits ist es motivierend, zu wissen, dass wir schon bald wieder zusammentreffen, andererseits läuft man nun doch ziemlich alleine.

Die Nacht weicht langsam dem Morgen. Das Vogelgezwitscher habe ich noch selten so intensiv wahrgenommen wie der Emme entlang. Die letzten 3 Kilometer bis zum Zusammentreffen mit Sandra werden erneut zur Qual. Ich leide. Als ich das Grüppchen der Velobegleiter sehe, bin ich überglücklich. Ein Ausstieg bei Bibern wird für mich langsam zum realistischen Szenario. 100 Kilometer zu laufen ist der nackte Wahnsinn. „Warum soll man das machen? Ist doch nicht normal.“

Kilometer 67 – 82 / Wenn es nicht mehr geht, geht es doch

Die nächsten Kilometer sind für den inneren Schweinehund wahnsinnig schwierig. Es geht sanft, kaum spürbar, leicht bergauf.

Die Kilometer-Zeiten sind hundsmiserabel. Sie bewegen sich im 08:er Bereich. Der Kopf, die Müdigkeit und die angeschlagene Moral tut ihr übriges dazu. Sandra muss mich motivieren, dass ich durchbeisse. Wie gerne würde ich mit ihr tauschen und mich aufs Fahrrad setzen. Sie erzählt mir Geschichten, welche sie unterwegs erlebt hat und von Menschen, die sie getroffen hat. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein Velobegleiter aus Berlin. Nicht nur für uns Läufer, sondern auch für die Velobegleiter ist dieser Event ein Abenteuer. Irgendwie bewundere ich Sandra, mit welchem Optimismus, mit welcher Energie und mit welcher positiven Einstellung sie das alles erträgt. Innerlich bin ich zufrieden, mit ihr die richtige Auswahl für die Velobegleitung getroffen zu haben.

Mittlerweile sind wir in Bibern angekommen. Der letzte mögliche Ausstiegspunkt. Aber irgendwie ist das bei diesem Kilometer kein Thema mehr. Vor uns steht der letzte Anstieg. Gehen? Nein, der will gelaufen sein. Ich weiss nicht mehr, ob ich vorher schon paar Meter im Schritttempo gelaufen bin. Aber auch dieser Hügel will bezwungen sein. Sandra motiviert mich. Oben angekommen ist es ein erhabenes Gefühl. Ich spüre einen wahnsinnigen Stolz in mir. Und vor allem: Sandra ist sowas von stolz. Das gibt einem einen nochmaligen Schub. Sofort wird von ihr eine Sprachnachricht an die WhatsApp-Gruppe versendet. Was für ein Gefühl.

Die nächsten Kilometer gehen bergab. Doch ich kann diese nicht so schnell bewältigen wie gewünscht. Ich habe das Gefühl, als wäre es hier beinahe zu steil, um schnell zu laufen. Nur noch 18 Kilometer. 18 flache Kilometer. Was ist das schon?

Ich weihe Sandra in einen lange in mir gehegten Wunsch ein und frage ob sie mit Karin Kontakt aufnehmen kann, um abzuklären, ob mein Vater im Ziel auf uns wartet.

Kilometer 82 – 99.9 / Vom Flow zur Qual

Unten angekommen, erwartet uns der Verpflegungsposten Arch. Wir nehmen einen Espresso-Shot zu uns. Dieses Gesöff ist das wohl scheusslichste Getränk aller Zeiten. Eine Mischung zwischen Kindermedizin und RedBull-Geschmack. Sandra erzählt mir, dass Yannick in Büren an der Aare auf uns wartet. Bis dahin ist es ja nicht mehr weit. Nur noch 6 Kilometer. Wir treffen auch noch auf Hansruedi, der über Schmerzen klagt. Ich hoffe für ihn, dass auch er noch weiterlaufen kann.

Jedes Mal nach dem Verpflegungsposten ist es eine Qual, wieder in den Laufrythmus zu kommen. Doch irgendwie gelingt es mir immer, diesen inneren Schweinehund zu überwinden.

Sandra trifft auf der Strecke die Velobegleitung aus Berlin und beginnt zu quatschen. Dessen Läufer ist im Moment ziemlich schnell unterwegs. Voller Stolz erzählt Sandra von der letzten Steigung. Ich weiss nicht, ob es reine Psychologie von ihr ist oder ob es effektiv so gemeint war. Auf alle Fälle tut es gut.

2 Kilometer sind mittlerweile seit dem Verpflegungsposten Arch vorüber. Und ich fühle mich, als würde ich zu fliegen beginnen. Wir überholen jetzt die spassige Berliner Lauftruppe. Diese hängt sich an uns dran. Sandra quatscht mit denen. Ich will nur laufen. Der Berliner Lauffreund muss mich nach etwa 2 Kilometer ziehen lassen. Er kann das Tempo nicht mehr halten. Ich komme in einen Flow. Ist es das Runners High? Oder macht sich der scheussliche Espresso-Shot bemerkbar? Ich überhole Läufer um Läufer. Es fühlt sich an, als würde ich dem Ziel entgegen sprinten. Ich erreiche Büren und sehe Yannick am Strassenrand stehen. Aber ich will nicht stoppen. Ich laufe weiter mit meiner Pace. Sandra stoppt bei Yannick und plaudert mit ihm. Noch 10 Kilometer bis zum Ziel. Was sind schon 10 Kilometer?

Und plötzlich ist die gesamte Energie weg. Es ist, als würde ich in eine Mauer laufen. Fast nichts geht mehr. Und vor allem: das Scheiss-Knie. Es schmerzt. Ich versuche den Laufstil anzupassen und so das Knie zu entlasten. Ist es die Müdigkeit, dass ich zu fest aufs Knie höre? Oder schmerzt es jetzt wirklich? So kurz vor dem Ziel. Das darf nicht wahr sein. Ich muss Tempo rausnehmen. Die Schuhe schmerzen, die Beine schmerzen. Jeder Schritt, jeder Kieselstein unter den Füssen tut weh. Eigentlich will ich nicht mehr. Yannick wartet wieder auf uns. Er hat Verstärkung von Michu erhalten. Ich weiss, dass ich jetzt nicht mehr stoppen darf. Ich hoffe, sie nehmen es mir nicht übel. Es ist nicht persönlich gemeint.

Die Kilometer-Zeiten sind wieder bei 08:xx angekommen. Eine Zielzeit von unter 13 Stunden ist unrealistisch. Aber das stört mich in diesem Moment absolut nicht. Sandra findet wieder die richtigen Worte und kann mich so weiter Richtung Ziel „hetzen“. Die Berliner Lauftruppe überholt uns. Die Kilometer kommen mir ewig lange vor. Ich habe das Gefühl, die letzten 10 Kilometer dauerten etwa gleich lange wie das gesamte Rennen vorher. Es will und will nicht enden. Mein ganzer Körper schreit mittlerweile vor Schmerzen.

Ich habe bereits vorher viele Stunden gelitten, ich habe psychische und körperliche Tiefen erlebt. Es gab viele Momente wo ich am liebsten den Lauf aufgegeben habe. Aber jetzt? So kurz vor dem Ziel? Nein! Ich weiss nicht mehr, WIE ich es geschafft habe, die letzten Kilometer zu laufen. Aber irgendwas hielt mich am Laufen. Schritt für Schritt näherte ich mich dem Ziel. Schritt für Schritt für Schritt.

Die ersten Hochhäuser von Biel sind mittlerweile ersichtlich. Jetzt ist klar, wir werden das Ziel erreichen. Ob laufend, kriechend, rennend. Es ist sowas von egal. Sandra erzählt mir wieder von den WhatsApp Nachrichten. Langsam überkommt mich einfach das Gefühl von Stolz. Und jetzt, 3 Kilometer vor dem Ziel, ist es an der Zeit, Sandra noch einen Song abzuspielen. Dieses Lied habe ich während dem Training oft gehört und mir den Zieleinlauf vorgestellt:

Dieser Kilometer ist ein Feuerwerk an Emotionen. Mit Hühnerhaut und Tränen in den Augen kommen wir zum Schild, das uns voraussagt, dass es nur noch 2 Kilometer sind.

Die Tränen sind kaum mehr zu bremsen. Was für Emotionen. Nur noch diese Kurve, dann muss doch das Ziel da sein. Wir hören doch schon die Musik… Nein, da ist nichts. Weiter geht es. Stolz, Enttäuschung, Müdigkeit, Freude… Alles ist dabei.

Da ist endlich das Kongresshaus zu sehen. Es ist gleich geschafft. Die letzten 100 Meter. Und was jetzt kommt, ist für mich persönlich an Emotionen kaum mehr zu übertreffen. Ich entdecke meinen Vater am Strassenrand. Ich kann ihn zu uns auf die Rennstrecke holen. Zu dritt laufen wir Hand in Hand die zweitletzte Kurve. Und da steht auch schon meine Frau mit den Kids. Und auch Yannick und Michu sind zu hören und zu sehen.

Jetzt ist es endgültig um mich geschehen. So viele Emotionen prasseln auf mich ein. Es ist kaum in Worte zu fassen, mit welchen Emotionen ich die Ziellinie überquere. Es ist vollbracht. In 13 Stunden, 05 Minuten und 49 Sekunden. Und dazu der Zieleinlauf mit meinem Vater – und natürlich mit Sandra. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl! Freude pur! Der ganze Schmerz weicht dem Adrenalin! Ich bin fast zweieinhalb Marathons gelaufen – die ganze Nacht durch. Ich habe Biel bezwungen. Ich habe meinen inneren Schweinehund bezwungen. Der Stolz ist einfach unbeschreiblich. Ich bekomme die Medaille umgehängt und schon kommt meine Familie angerannt. Ich würde am liebsten jetzt die Pause-Taste drücken und diesen Moment für ewig geniessen.

Fazit

Mittlerweile habe ich mich bereits mehrere Nächte erholen können. Aber nur schon beim Schreiben dieser Zeilen musste ich einige Male Luft holen und die Tränen abtrocknen. Immer wieder kommen mir kleine Geschichten in den Sinn, die ich in dieser Nacht (und am Vormittag) erleben durfte. Mit bekannten oder unbekannten Gesichtern.

Mein Gefühl von Dankbarkeit ist enorm gross und würde den Rahmen sprengen. So viele Leute haben dieses Erlebnis für mich zu einem grossartigen und unvergesslichen Laufevent gemacht. Mitten in der Nacht oder so früh am Morgen erhielten wir dauernd Nachrichten. Es standen Leute am Strassenrand und haben mir zugejubelt. Dazu all die Leute am Ziel. Einfach nur toll.

Ich habe bereits während dem Lauf gesagt, dass ich eine solche Distanz nie mehr laufen werde. Dabei wird es auch bleiben. Ich bin sicher, mit einer längeren Vorbereitungszeit wäre eine bessere Zeit möglich. Zumal ich auch jetzt gewisse Erfahrungswerte vorweisen kann und mir einige Anfängerfehler nicht mehr passieren würden. Nichts desto trotz: Ich bleibe dabei. Dieser Lauf war einmalig. Es war so schön. Eine zweite Ausgabe könnte damit nicht mehr mithalten. Und so bleibt mir dieser Lauf so in Erinnerung wie es sich für so einen Lauf auch gehört: absolut einmalig!

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